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Alles auf Anfang, Folge 9

Schweizerdeutscher Mitmach- und Mutmach-Podcast über Neuanfang, Veränderung, Chancen und Ängste

06.07.2026 13 min

Zusammenfassung & Show Notes

Die Geschichte von Anna steht heute im Mittelpunkt. Leidet sie am "empty-nest-Syndrom" oder will sie wirklich in der zweiten Lebenshälfte nochmals neu durchstarten?

Transkript

Ich habe eine sehr berührende Mail erhalten, von der ich euch in dieser Folge erzählen will. Sie stammt von einer Frau Ende 50, die über einen Neuanfang nachdenkt. Nennen wir sie Anna. Die Geschichten, die ihr teilt, werden ja anonym erzählt, doch damit keine Durcheinander entsteht, werde ich einfach einen Fantasie-Namen benutzen, einen ganz normalen, durchschnittlichen Schweizer Vornamen, angefangen bei A und nach Z dann wieder A, mit einem anderen Namen. Bei Anna’s Überlegungen zum Thema Neuanfang handelt es sich nicht um etwas spektakuläres, sie will nicht nach Australien auswandern und Mitglied von AC/DC werden, es geht um etwas, das sehr viele Menschen in der zweiten Lebenshälfte betrifft und beschäftigt, die Suche nach Sinn und Erfüllung, das Hinterfragen des bisherigen Lebens und die Aussichten für die weiteren Jahre. Anna ist verheiratet und lebt in einem hübschen Häuschen in einer kleinen Stadt. Die Kinder sind groß und aus dem Haus, gründen teilweise schon eigene Familien. Das Haus ist still und leer und eigentlich auch viel zu sauber für die tägliche Hausarbeit. Ihr Mann geht wie gewohnt jeden Tag zur Arbeit, wenn er nach Hause kommt, sind die Gespräche kurz und die Themen schnell erschöpft. Manchmal gibt es auch gar nichts, worüber man sich unterhalten kann, es gibt kaum gemeinsame Interessen oder Hobbys. Ab und zu trifft man sich mit Freunden, zum Essen oder was Trinken, aber das sind mehrheitlich die Freunde und Arbeitskollegen ihres Mannes, ihre hat er nie gemocht. Sie fühlt sich wie in einer WG, jeder lebt für sich, ab und zu läuft man sich über den Weg, aber wie eine richtige Partnerschaft fühlt es sich schon lange nicht mehr an und der Anblick ihres Mannes löst auch kein Prickeln mehr aus, eher ein wenig Abscheu und vor allem Langeweile. Anna war die letzten dreißig Jahre Hausfrau, obwohl sie ihre alte Arbeit immer sehr vermisst hatte und sie kann sich gar nicht vorstellen, wie es wäre, wieder arbeiten zu gehen, würde es aber gerne herausfinden. Die Vorstellung, sich irgendwo zu bewerben, löst Angst aus, aber irgendwie findet sie die Vorstellung auch sehr aufregend. Sie würde gerne im sozialen Bereich tätig werden, vielleicht in einem Altersheim oder im Krankenhaus? Irgendwo müsste sie doch noch zu gebrauchen sein. Sie überlegt, ein paar Kurse zu besuchen, um im Umgang mit Computern fitter zu werden oder ihr kaufmännisches Wissen aufzufrischen. Aber was würden solche Kurse überhaupt bringen? Wer würde jemanden in ihrem Alter denn noch einstellen? Wieso kann sie nicht einfach zufrieden sein mit ihrem Leben, das wäre so viel einfacher! Dankbar für die Sicherheit, die sich ihr bietet? Zufrieden in ihrem kleinen Nest, das sie ja schliesslich selbst gewählt und aufgebaut hat, mit den vertrauten Aufgaben, die Mutter in der Nähe, die Kinder nicht allzu weit weg, ein paar Freundinnen zum Quatschen und dem wöchentlichen Treffen mit dem Turnverein? Wie vielen Menschen geht es richtig schlecht, während sie sich hier mit Luxussorgen herumquält? Wieso kann sie nicht einfach zu ihrem Mann sagen, „das mache ich jetzt für mich, das brauche ich gerade“ und einfach in’s Theater gehen, in einer Gruppe mit anderen zusammen Singen oder Malen oder auch mal verreisen, um sich wenigstens ein paar Wünsche und Träume zu erfüllen? Warum muss sie gleich alles in Frage stellen, ihr ganzes Leben? Ob sie überhaupt noch mit ihrem Mann leben will, im Haus bleiben möchte, ihr sicheres Leben aufgeben will? Wovon sollte sie denn überhaupt leben? Wie für die Rente sparen. Wie eine Wohnung finden? Was würden alle sagen? Wie würden die Kinder reagieren? Würde irgendein Mensch sie überhaupt verstehen und hinter ihr stehen? Wieso kann sie nicht einfach dankbar und zufrieden sein? Es ist so ein großes Glück, gesund sein zu dürfen, alles zu haben, was man braucht und sogar noch mehr. Ein Glück, dass es den Kindern und der alten Mutter gut geht und sie ein gutes Verhältnis haben. Warum reicht das nicht und warum lassen die quälenden Gedanken sie nicht einfach in Ruhe?? Weil ihr Leben sie einfach nicht mehr erfüllt. Weil sie spürt, dass es mehr gibt. Geben muss. Weil sie es satthat, immer im Kreislauf von Hausarbeit, Einkaufen und Kochen festzustecken. Weil sie keine Lust mehr hat, sich irgendwelche abwechslungsreichen Menus auszudenken, die sie dann stundenlang zubereitet, nur damit ihr Mann sie in kürzester Zeit gedankenlos runterschlingt, nur um gleich darauf wieder in seinem Arbeitszimmer zu verschwinden. Ihr würde auch ein einfacher Salat und ein Käsesandwich reichen… Manchmal fragt sie sich, ob es ihrem Mann auch so geht, aber sie hat gar keine Lust, ihn danach zu fragen. Wenn sie ehrlich ist, interessiert es sie gar nicht und sie spürt, dass es ihn ebenso wenig interessiert wie es ihr eigentlich geht. Das alles hat sich Anna von der Seele geschrieben und ich weiß, dass das nicht nur sie betrifft, sondern ganz viele von uns. Besonders in der Zeit, wenn die Kinder aus dem Haus sind oder wenn man in Rente geht oder arbeitslos wird oder ähnliche einschneidende Ereignisse passieren, also die üblichen Gewohnheiten plötzlich wegfallen oder sich verändern, stellen sich einem viele Fragen. Fragen die man sich vorher nicht, oder nur selten gestellt hat, manchmal weil man einfach zu beschäftigt dafür war oder weil es nicht notwendig war, da ja alles gut war. Plötzlich schaut man sich um, fragt sich, ob man noch gebraucht wird oder ob man dem anderen überhaupt noch etwas bedeutet. Denkt an die Träume, die man mal hatte und die man für etwas anderes beiseitegeschoben hatte. Fragt sich, ob das alles war, was das Leben zu bieten hat und man nun nur noch strickend auf das Ende warten kann. Fragt sich, was man hinterlässt und wer noch an einen denkt, wenn man mal nicht mehr ist. Diese Gedanken machen Angst. Sie können Panik auslösen oder Depressionen. Sie können Kurzschlusshandlungen auslösen oder tiefe Verzweiflung. Will man wirklich so weitermachen wie bisher, einfach nur, weil es sicher ist, weil man es kennt und es keine Angst macht? Oder schmeisst man alles über den Haufen, alles, was man sich aufgebaut hat, stösst die, die einem alles bedeuten vor den Kopf und riskiert Armut und Einsamkeit, nur um am Ende vielleicht gar nicht die erhoffte Erfüllung zu finden, sondern den gewagten Schritt bitter bereut? Das sind alles schwierige Fragen, existenzielle Fragen und es gibt darauf keine pauschale Antwort. Die Antworten sind so vielfältig wie die Menschen. Jeder muss für sich selbst zu einer Entscheidung gelangen. Doch wie kann man sie treffen? Wo findet man Hilfe dabei? Ich kann Anna so gut verstehen, solche Fragen stellen sich mir, wie jedem anderen auch, natürlich auch oft. Und ich habe mich bisher immer für den Neuanfang entschieden, wenn ich merkte, dass es nicht mehr weitergehen konnte wie bisher. Doch ich war auch nie abhängig von jemand anderem, weder finanziell noch durch ein Gelübde oder einen Besitz. Da stellen sich einem nochmals ganz andere Fragen und die Hürden und Herausforderungen sind doppelt so groß. Was könnt ihr Anna raten? Soll sie sich eine lange Auszeit nehmen und in sich hineinspüren, um herauszufinden, wonach sie sich sehnt? Nach ihrem Mann und dem gemeinsamen Zuhause? Oder tatsächlich nach Neuanfang, Abenteuer und Aufbruch? Soll sie sich psychologische Unterstützung holen? Mit ihrem Mann sprechen? Vielleicht geht es ihm ja ähnlich und er ist froh, dass es endlich einmal ausgesprochen wird? Oder seine verständnislose Reaktion bestärkt sie in dem Entschluss, ein Leben ohne ihn in Angriff zu nehmen. Soll sie alles mit sich selbst ausmachen? Oder Rat und ein offenes Ohr bei anderen suchen? Bei den Kindern, der Mutter, den Freundinnen? Listen erstellen und alles genau gegenrechnen? Ist es „nur“ das sogenannte empty-nest-Syndrom, also eine Zeit der Trauer und Einsamkeit, die wieder vorübergeht und auch eigentlich ganz normal ist? Und in der auch häufig der Lebenssinn und manchmal sogar die persönliche Identität in Frage gestellt wird, was ebenfalls ziemlich normal ist und einfach seine Zeit braucht? Oder steckt doch mehr dahinter? Für Anna fühlt es sich zumindest so an, doch sie ist sich nicht sicher und möchte auf keinen Fall etwas überstürzen. Sie bedauert jetzt, dass ihr Mann und sie sich nicht mehr Zeit füreinander genommen haben, keine gemeinsamen Hobbies gepflegt oder sich Auszeiten als Paar gegönnt hatten. Soll sie die Zähne zusammenbeißen und bleiben und versuchen, den Neustart für sich selbst positiv zu gestalten und möglichst viel aus ihrem Leben rauszuholen, in der Hoffnung, dass sie wieder Gemeinsamkeiten mit ihrem Mann entdeckt und Freude am Zusammenleben mit ihm? Vielleicht findet sich ein neues gemeinsames Hobby oder neue Ziele? Oder soll sie gehen, ohne zu wissen, wohin? Wie sind eure Erfahrungen mit dem Thema? Kennt ihr diese Gedanken und Gefühle? Die Ängste und Zweifel. Die Fragen, die sich einem in der Lebensmitte manchmal stellen oder nach einem Einschnitt. Seid ihr an einem ähnlichen Punkt? Oder habt ihr einen solchen hinter euch? Habt ihr einen Entschluss gefasst und es dann durchgezogen und es nie bereut oder vielleicht doch? Oder versucht ihr noch, die richtige Entscheidung zu treffen und schwankt immer hin und her? Erzählt davon, teilt eure Meinung und eure Gedankenwelt mit Anna, mir und allen, die zuhören.

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