Since 06/2026 9 Episoden

Alles auf Anfang, Folge 6

Schweizerdeutscher Mitmach- und Mutmach-Podcast über Neuanfang, Veränderung, Chancen und Ängste

15.06.2026 12 min Chris Carlyce

Zusammenfassung & Show Notes

Die Themen in Folge 6: Nein sagen und Grenzen setzen. Beides unglaublich wichtig und oft vernachlässigt...

Transkript

Podcast Folge 6 Willkommen an diesem Montag zur 6. Folge vom Podcast „Alles auf Anfang“! Heute wollen wir uns Gedanken zum wichtigen Thema „Nein“ sagen und Grenzen setzen machen. Wir kennen das ja alle: auch wenn wir keine Zeit oder Lust haben oder müde sind, schaffen wir es oft trotzdem nicht, zu einer Anfrage „Nein“ zu sagen. Wir trauen uns einfach nicht. Sei es aus Angst, den anderen zu enttäuschen oder wütend zu machen oder weil wir denken, dass unser Gegenüber uns nach einem Nein vielleicht nicht mehr mag. Wir haben gelernt, dass ein Nein unhöflich ist oder egoistisch wirkt und wir leben mit Vorbildern, die angeblich einfach alles schaffen und mit einem Lächeln gerne auch noch mehr übernehmen. Doch wenn wir „Ja“ sagen, obwohl wir eigentlich „Nein“ sagen wollen, ist das eine Lüge. Eine Lüge, die wir aus Angst oder Schuldgefühlen erzählen und sie ist respektlos. Uns selbst gegenüber und auch gegenüber dem anderen. Denn wieso sollte der ein Nein nicht ertragen können? Wir schaffen es doch auch, ein Nein zu akzeptieren ohne es dann dem anderen ein Leben lang nachzutragen. Ein Kleinkind kann das vielleicht noch nicht so gut und reagiert mit Wut und Geschrei, wenn wir ihm beim Einkaufen das verlockende Überraschungsei an der Kasse einfach nicht kaufen wollen, doch es beruhigt sich wieder und auf gar keinen Fall kommt es zwei Wochen später wieder damit an. Nach dem Motto „Nein, ich helfe nicht beim Spielzeug-Aufräumen, du hast ja auch Nein zum Überraschungsei gesagt!“ Natürlich kann es unbequem oder unangenehm sein, Nein zu sagen, aber, ganz ehrlich, wenn jemand ein Nein von uns nicht aushalten kann, sollte der dann wirklich mit einem Ja belohnt werden? Wenn wir also Nein sagen möchten, dann dürfen und sollen wir das auch tun. Und zwar höflich, positiv formuliert und mit Klarheit, ohne Herumgedruckse und ohne Vorwürfe, in der Ich-Form. Nicht zum Beispiel: „ich bin nicht sicher, ob ich das heute noch erledigen kann“ Sondern einfach: „ich kann diese Aufgabe heute nicht übernehmen“ Und man muss ja auch nicht gleich sagen: „hey, bist du wahnsinnig, mich nach Feierabend noch anzurufen!“ Sondern man kann auch beispielsweise sagen: „ich bevorzuge Gespräche während den Arbeitszeiten“ oder irgendetwas ähnliches. Und wenn unser Chef uns mal wieder mehr Arbeit aufhalsen will, dann kann man den Ball auch mal zurückspielen und sagen: „ich erledige das sehr gerne. Was soll ich stattdessen weglassen oder an einem anderen Tag erledigen?“ Vielleicht kann man ja auch eine Alternative anbieten und so das Nein etwas entschärfen? Muss man aber natürlich nicht. Es ist auch nicht nötig, sein Nein dauernd zu rechtfertigen. Denn Nein ist ein ganzer Satz! Punkt. Und wenn wir uns in Erklärungsversuchen verlieren, dann lässt uns das unsicher wirken und unser Nein wird nicht ernstgenommen. Wir dürfen Nein sagen und auch mal Abstand halten, uns selbst schützen, unsere Kraft und unsere Zeit und unseren Raum schützen und wir dürfen das ohne Erklärung. Jeder von uns hat seine Prioritäten und diese kann man auch kommunizieren. Und jeder von uns hat auch seine Grenzen und die wollen klargemacht und abgesteckt werden. Das fällt uns oft schwer, meistens, weil wir glauben, sie erklären zu müssen und weil wir es gewohnt sind, funktionieren zu müssen oder vielleicht, weil wir dazu erzogen wurden, die Bedürfnisse anderer über unsere eigenen zu stellen. Doch wenn wir dauernd unsere Grenzen überschreiten, macht uns das irgendwann krank. Es gibt da diese Linie, wo ich aufhöre und wo du anfängst und die hat nun mal jeder. Die physischen Grenzen kann man auch spüren und (kennt ihr das?), es ist sehr unangenehm, wenn diese überschritten werden. Jeder Mensch hat einen Radius von ungefähr einem Meter um sich, in den kein Fremder eindringen soll und es gibt Menschen, die irgendwie überhaupt kein Gespür für diesen normalen Abstand haben. Kennt ihr diese Leute auch, die einfach immer irgendwie zu nahe bei einem stehen? Man merkt, dass sie es nicht mal bös meinen oder absichtlich machen, doch sie kommen dauernd zu nah und rücken nach, wenn man versucht, wegzurücken… Ist das nicht einfach unerträglich? Wenn sie dann noch Mundgeruch haben oder einen antatschen, wird es schwierig, in der Situation zu bleiben und sich zu beherrschen… Unsere psychischen Grenzen sind nicht so leicht messbar und sie liegen logischerweise auch bei jedem anders. Der eine hat eine höhere Akzeptanz und der andere hält gewissen Anforderungen einfach weniger gut Stand, sei es Stress oder äußere Einflüsse wie Lärm oder viele Menschen oder wenn man viele Aufgaben gleichzeitig stemmen muss. Wir sind unterschiedlich und das ist super so und man darf auch sagen, wenn man sich mit etwas überfordert fühlt oder einfach mal etwas länger braucht, um die Batterien wieder aufzuladen. Und wenn jemand dich respektiert, braucht er auch keine Erklärungen. Doch wenn der andere tatsächlich beleidigt ist, weil er nicht an 7 Tagen die Woche 24 Stunden Zugang zu dir und deinem Leben hat, war es wohl bitter nötig, ihm mal Grenzen aufzuzeigen, nicht wahr? Wie wir bemerkt haben, ist es bei diesem Thema sehr wichtig, klar zu sein. Etwas, was mir selbst noch häufig sehr schwerfällt. Ich will nicht fordern, auch nicht heraus- oder überfordern, ich will niemanden verärgern oder mich auf Diskussionen einlassen und sage dann meist dem Frieden zuliebe einfach gar nichts. Da es mir auch sehr schwerfällt, sofort schlagfertig das richtige zu sagen, sage ich oft das falsche oder eben gar nichts und ärgere mich danach noch tagelang darüber, rhetorisch so eine Niete zu sein. Kommt euch das bekannt vor? In den letzten Jahren habe ich auch bemerkt, dass das bei mir je nach Konstellation total unterschiedlich ist. In der einen Gruppe bin ich selbstsicher, sage, was ich denke, ohne jemanden zu verletzen, bin fröhlich und manchmal sogar auch ein bisschen frech. In einer anderen Gruppe oder mit bestimmten Einzelpersonen bin ich leise und schüchtern, unsicher und fühle mich klein. Als hätte ich verschiedene Rollen in verschiedenen Theaterstücken. Nicht, dass ich mir das absichtlich so ausgesucht hätte, es ist einfach irgendwie so zusammengewachsen und jeder hat seinen Part und reagiert entsprechend auf das, was die anderen aussenden. Doch so richtig wohl fühlt man sich nicht in jeder Konstellation und genau deswegen ist es so wichtig, zu üben, klar zu kommunizieren! Denn wenn wir nicht authentisch sind oder unsere Meinung auch dann vertreten, wenn es mal unangenehm wird, schaffen wir es nicht, echte Verbindungen zu anderen aufzubauen. Nicht eindeutig zu sein oder den Konflikt zu scheuen, führt zu Missverständnissen und so doofen, schwelenden und ungelösten Konflikten und zu Distanz. Klar auszudrücken, was wir denken und brauchen und fühlen, stärkt uns selbst, weil wir uns damit ernst nehmen und zeigt auch den Respekt vor anderen, indem sie uns wirklich verstehen können und wissen, woran sie bei uns sind! Also, üben wir, das „mh, also eigentlich…“, und das „ja, aber…“ und das „ich könnte mir denken, dass…“ wegzulassen und durch klare Sätze zu ersetzen! Sätze wie: „Mir ist wichtig, dass…“, „ich brauche gerade…“, usw. Und statt „eigentlich“ und „vielleicht“ einfach „bitte“ und „danke“ sagen. Und den Konjunktiv streichen wir am besten auch gleich noch aus unserem Wortschatz. Er wirkt zwar höflich, aber oft auch unentschlossen. Würde, wäre, hätte, das alles wollen wir nicht länger in unseren Sätzen hören! Mir fällt das sehr schwer. Euch auch? Aber will ich wirklich nochmals Jahre meines Lebens in einer Beziehung verbringen, in der ich meine, nicht sagen zu können, was ich wirklich denke oder brauche? Über kurz oder lang sammelt sich da so vieles an, es bildet sich ein Klumpen im Bauch und irgendwann bricht vielleicht alles aus einem raus und das Gegenüber versteht dann die Welt gar nicht mehr und fragt sich, woher all das kommt. Es denkt, es war doch immer alles gut und harmonisch… Und wenn sich dann jemand erschreckt oder erstaunt ist über solch einen Ausbruch ist das ja nicht verwunderlich! Sich dauernd zurückzunehmen, alles Mögliche einfach runterzuschlucken und einen riesigen Haufen Dinge unausgesprochen zu lassen, ist wie eine schleichende Vergiftung. Es vergiftet die Atmosphäre und die Beziehung und auch einen selbst und das muss ja nicht sein. Wie ist das bei euch? Schafft ihr es gut, eure Grenzen aufzuzeigen und Nein zu sagen? Oder hangelt ihr euch durch ein Leben mit viel zu vielen Anforderungen und schafft es nicht, euch davon freizustrampeln? Erzählt davon!

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