Alles auf Anfang, Folge 17

Schweizerdeutscher Mitmach- und Mutmach-Podcast über Neuanfang, Veränderung, Chancen und Ängste

31.08.2026 17 min

Zusammenfassung & Show Notes

Baby da - Leben weg??
In der heutigen Folge geht es um den wohl einschneidendsten Neuanfang: ein neues Leben willkommen heissen.
Neben viel Schönem bedeutet das immer eine grosse Herausforderung, die auch mit negativen Gefühlen besetzt sein kann. Deswegen ist die "regretting motherhood" heute ein Thema im Podcast.

Transkript

Podcast Folge 17 Wir schauen uns heute einen Neuanfang an, der gleichzeitig wunderschön, aber auch beängstigend sein kann und auf jeden Fall sehr herausfordernd ist: die Geburt eines Babys. Diana hat geschrieben, dass sie in wenigen Wochen ihr erstes Kind willkommen heißen darf. Herzlichen Glückwunsch dazu! Sie und ihr Partner freuen sich sehr auf das Baby, ein gewünschtes und geplantes Kind, sie haben schon alles fertig eingerichtet, sich Namen überlegt und an allen möglichen Vorbereitungskursen teilgenommen, sie sind also bestens vorbereitet. Doch zur Vorfreude kommen natürlich auch Ängste und Sorgen. Was, wenn bei der Geburt etwas schiefläuft? Was, wenn es dem Kind nicht gut geht? Was, wenn Diana eine Wochenbettdepression bekommt oder es ihr sonst irgendwie nicht gut geht? Wenn es ein Schreibaby ist oder einer der beiden es nicht so lieben kann, wie man sich das vorstellt oder später bereut, dass sie sich für ein Kind entschieden haben? Diana macht sich viele Gedanken über die sogenannte „regretting motherhood“, das Bereuen der Mutterschaft. Sie hatte einen starken Kinderwunsch, auch für den werdenden Vater war es immer klar, dass er eine Familie gründen möchte, aber was, wenn sich irgendwann herausstellt, dass einer von ihnen nicht glücklich ist in der Elternrolle? Wie ging es euch, so kurz vor der Geburt eurer Kinder? Von all den Schwierigkeiten, die im weiteren Leben des Babys noch auftreten können, wollen wir gar nicht erst anfangen, schon am Anfang eines neuen Lebens gibt es so wahnsinnig viel, was schiefgehen kann oder ganz anders ist, als man es sich wünscht und vorstellt. Hattet ihr so eine Art Urvertrauen, dass schon alles gut wird, so wie ich? Oder wart ihr voller Ängste und Zweifel und habt vor lauter Unsicherheit viel zu viele Artikel gelesen und seid so noch unsicherer geworden? Gerade in Zeiten von Social Media erlebt man immer wieder junge Frauen, die alles richtig machen wollen, aber von der schieren Flut an Anweisungen aus dem Netz, die natürlich alle angeblich richtig sind, erschlagen werden. Ich habe in den letzten zwei Jahren in meinem Umfeld von zwei jungen Müttern gehört, die einen richtigen Katalog mit Anweisungen an die Familien und Bekannten geschickt haben, wie man sich bei einem Besuch beim Baby zu verhalten hat, nach was man riechen oder eben nicht riechen darf, ob und wann und wie man das Baby anfassen darf und so weiter. Das Vertrauen in unsere natürlichen Instinkte scheint nicht mehr allzu groß zu sein und wenn auch vieles gut gemeint ist, so muss man doch auch damit klarkommen, dass sich nicht alles steuern lässt und die Welt nun mal nicht perfekt ist. Die Geburt eines Kindes, vor allem des ersten, ist ohne Zweifel eins der einschneidendsten Erlebnisse im Leben und betrifft absolut alle Bereiche. Den Körper, die Partnerschaft, die Unabhängigkeit, das Erwerbsleben, die Wohnung, die Finanzen, die Selbstwahrnehmung, den Schlaf, die psychische Gesundheit, die Prioritäten und so weiter, und so fort. Einfach wirklich alles. Das Zimmer einrichten, süße winzige Kleidchen kaufen, sich für eines der unzähligen Kinderwagen-Modelle entscheiden, das macht ja alles Spaß und belastet hauptsächlich das Portemonnaie, alles andere aber wenigstens noch nicht. Doch in allen anderen Bereichen kann so viel Unvorhergesehenes passieren. Wenn man bedenkt, wie viele Millionen Dinge perfekt sein müssen, damit das neue Menschlein gesund und munter auf die Welt kommt, kann man nur staunen! Bei meinem Sohn beispielsweise war ein winziger Baustein falsch, die Veränderung in einem kleinen Gen betrifft sowohl sein Leben als auch das von mir so allumfassend, dass es einen erschrecken kann. Man kann sich einfach nur glücklich schätzen, wenn so ein Baby gesund ist und bleibt, man muss dankbar und demütig sein. Am Anfang muss man sich sehr vielen Herausforderungen stellen. Es können Probleme mit dem Stillen oder dem Trinken mit der Flasche auftreten, oder das Baby braucht wenig Schlaf und schreit die ganze Zeit, scheinbar ohne Grund. Wie unglaublich fertig das machen kann, habe ich in meinem Umfeld zwei Mal mitbekommen. Manche Babys sind hypersensibel und können die Reize ihrer Umgebung nicht oder nur schlecht filtern und schreien und schreien und sind durch nichts zu beruhigen, das ist absolut furchtbar und unfassbar anstrengend. Es können auch erste Anzeichen von ADHS sein, das muss aber natürlich nicht sein. Nicht jeder Mama geht es gut nach der Geburt. Einige haben körperliche Beschwerden, andere leiden unter psychischen Problemen, vielleicht war auch die Geburt selbst traumatisch. Und dann ist da dieses kleine Häufchen Mensch, so winzig und hilflos und riecht so unvergleichlich und einmalig nach Fruchtwasser. Habt ihr diesen Geruch auch so sehr geliebt und wart ihr auch traurig, als er immer weniger wurde und irgendwann ganz weg war? Viele Eltern werden sofort von unfassbarer Liebe durchströmt und können sich gar nicht sattsehen an ihrem Kind. Doch andere können keine Bindung herstellen, verspüren vielleicht gar nichts oder sind wie gelähmt vor Angst. Das alles kommt vor und ist auch nicht selten und nichts, wofür man sich schämen muss oder wofür man etwas kann. Der Übergang zur Mutterschaft wird von ganz widersprüchlichen Gefühlen und Gedanken begleitet, das ist völlig normal. Doch die Gesellschaft gibt uns ein Bild vor, wie Mutterschaft zu sein hat und der Druck, dieses Bild zu erfüllen, ist groß. Es herrscht die Vorstellung vom Mutterglück und wenn man das dann nicht genauso empfindet, meldet sich das schlechte Gewissen. Schon allein die bewusste Entscheidung, kein Kind zu bekommen, stösst immer noch mehrheitlich auf Unverständnis, es wird gesagt, dass man das später irgendwann bereut. Doch wie es aussieht, bereuen etwa zwanzig Prozent aller Eltern später, dass sie ein Kind bekommen haben und das war bis vor kurzem ein absolutes Tabu-Thema. Der Druck der Gesellschaft ist groß. Man muss als Mutter alles leisten, perfekte Kinder großziehen, immer glücklich sein, dazu noch Job und Beziehung, Haushalt und andere Verpflichtungen mit links stemmen und dabei natürlich immer noch gut aussehen. An diesem Druck zerbrechen viele. Man bekommt auch selten genug Hilfe oder auch nur Verständnis. Muss eine Mutter früher von der Arbeit weg, um das Kind abzuholen, runzeln die Leute im Büro die Stirn, wenn ein Mann früher geht, um das Kind abzuholen, wird er gelobt und bewundert und es wird ihm Arbeit abgenommen, damit er auch wirklich früher gehen kann. Und das auch im Jahr 2026 noch! Anderswo ist der Druck natürlich noch viel größer. Sich überhaupt zu fragen, ob man ein Kind in die Welt setzen möchte oder nicht, steht für viele Frauen auf dieser Welt gar nicht zur Debatte, sie haben keine Wahl. Wir können uns also verdammt glücklich schätzen, eine Wahl zu haben, Rechte zu haben, nicht nur Pflichten, über Empfängnisverhütungsmittel zu verfügen und gut aufgeklärt zu sein und wir sollten uns vehement dafür einsetzen, dass möglichst bald möglichst viele Frauen auf dieser Welt dieses Glück ebenfalls erfahren dürfen! Der Begriff der „regretting motherhood“ geht auf eine Studie der israelischen Soziologin Orna Donath vor elf Jahren und das dazu erschienene Buch zurück und hat seither viele Reaktionen hervorgerufen. Von komplettem Unverständnis und Fragen wie „was stimmt denn mit diesen Frauen nicht!?“ bis zu Verständnis und der Erleichterung, dass es auch anderen Müttern so geht. Selbstverständlich können auch Väter die Vaterschaft bereuen, aber viele von ihnen, natürlich gilt das nicht für alle, können sich auch einfach ausklinken, die Familie verlassen oder sich aus dem Familienalltag zurückziehen, deswegen sprechen wir hier mal nur über die Mutterschaft. Der Ausdruck beschreibt, dass die Mütter anhaltend, also nicht einfach nur kurz, oder in einzelnen Situationen, bedauern, Mutter geworden zu sein und die Rolle als Mutter negativ erleben. Etwa 20% aller Eltern geht es so. Neben dem schon erwähnten Druck von außen und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die das Leben besonders auch für Alleinerziehende nicht gerade einfach machen, können auch Traumata aus der eigenen Kindheit oder unsichere Bindungserfahrungen das Erfahren der Mutterschaft beeinflussen. Ebenso wird sie als besonders herausfordernd empfunden von Frauen, die ein großes Bedürfnis nach Freiheit und Autonomie haben. Sie fühlen sich plötzlich fremdbestimmt und eingeschränkt. Vielen Müttern, oder insgesamt Frauen, fällt außerdem die Selbstführsorge schwer, sie sind es sich eh schon nicht gewohnt, sich Zeit für sich selbst zu nehmen und verlieren sich dann in der Rolle als Mama und fühlen sich isoliert. Auch ein Faktor kann die generationenübergreifende Weitergabe von Traumata sein. Die Auswirkungen von der bereuenden Mutterschaft sind Scham und große Schuldgefühle. Die Diskrepanz zwischen dem eigenen Erleben und der eigenen Gefühlswelt und den Erwartungen von außen können zu großem Stress und damit auch zu psychischen Erkrankungen führen. Es gibt als Folgen auch die Fälle, in denen Mütter sich unbewusst und unwillentlich nicht mehr optimal um ihr Kind kümmern. Vielleicht sind sie eher distanziert, ungeduldig oder gereizt, was zu Unsicherheit und mangelndem Selbstwert beim Kind führen kann und allenfalls auch zu einer unsicheren Bindung, was wiederum die psychische Gesundheit des Kindes beeinträchtigt. Es ist wichtig und hilfreich für alle Beteiligten, die Gefühle klar zu benennen und sich Unterstützung zu holen, um trotz allem eine gute Beziehung zum Kind zu schaffen und gegebenenfalls andere Familienmitglieder stärker in die Erziehung der Kinder miteinzubeziehen, damit das Kind eine sichere und stabile Bindung zu anderen Personen aufbauen kann. Die meisten Mütter aber, die sich zu diesem Thema äußern, sagen, dass sie ihre Kinder sehr lieben, nur ihre Rolle als Mutter nicht. Wie geht es euch? Könnt ihr das nachvollziehen oder seht ihr euch ebenfalls als bereuende Mütter oder habt ihr so überhaupt gar kein Verständnis dafür? Würdet ihr euch, wenn ihr nochmals zurückspringen könntet in der Zeit, nochmals für Kinder entscheiden oder dagegen? Ich fühle mich da etwas ambivalent. Ich liebe meine beiden Kinder sehr, glaube aber nicht, dass ich mich mit dem Wissen von heute nochmals dazu entscheiden würde, Mutter zu werden. Aber ich muss klar sagen, dass ich die Lebensjahre, die ich an Männer vergeudet habe, die mich nur übel behandelten, deutlich mehr bereue, als die Mutterschaft! Ich bin stolz darauf, was für ein großartiger Mensch aus meiner Tochter geworden ist und dass ich sie auf diesem Weg begleiten durfte und ich bin ebenso stolz auf jeden noch so kleinen Fortschritt meines Sohnes, der so viele Einschränkungen hat und schwere Päckchen tragen muss. Als Kind wollte ich immer gerne Mutter werden und habe mir vorgestellt, auch einige Kinder zu adoptieren, so wie ich adoptiert wurde. Als Jugendliche dachte ich dann: in die heutige Welt kann man doch keine Kinder setzen! Ich werde das meinen Kindern bestimmt nicht antun. Dann kam auch eine tiefe Sehnsucht nach jemandem, den ich lieben kann und der mich auch liebt, ohne seltsame Geschichten oder Bedingungen. Heute habe ich meine beiden Kinder, bin seit 21 Jahren praktisch durchgehend alleinerziehend und bin natürlich oftmals erschöpft oder frustriert und möchte einfach nur meine Ruhe haben. Ich hasse es, dauernd so früh aufstehen zu müssen! Warum bloß fängt die Schule denn immer so früh an!? Das läuft komplett gegen die innere Uhr von Heranwachsenden! Und von mir! Und ich hasse es unendlich, seit 15 Jahren fast jeden Tag frühmorgens Pausenbrote zu schmieren und Obst und Gemüse in Plastikdosen zu schnippeln. Das nervt so dermaßen! Auch hasse ich es, seit ungefähr zwölf Jahren praktisch jeden Abend La Le Lu zu singen, weil mein Sohn immer nach demselben Abendritual verlangt. Es ist unerträglich, Dienerin, Putzfrau, Köchin und persönlicher Sklave eines kleinen Jungen zu sein, angeschrien, beschimpft und gehauen zu werden, und doch ertrage ich meistens alles mit stoischer Geduld und halte mir immer vor Augen, dass es ihn viel schlimmer hätte treffen können und mich damit auch und dass ich dankbar sein muss, dass ich gesund und fit bin und inzwischen auch nebenher Sachen nur für mich machen kann, das gibt Kraft und Mut. Nun wünsche ich Diana und ihrem Mann und ihrem Baby, dass sie eine tolle Geburt erleben dürfen und alle gesund sind und bleiben und dass das einzig Ärgerliche in der Mutterschaft das frühe Aufstehen und das morgendliche Gemüseschnippeln sein werden! Von Herzen alles Gute, auch an alle anderen Eltern und Kinder da draußen!

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