Alles auf Anfang, Folge 15
Schweizerdeutscher Mitmach- und Mutmach-Podcast über Neuanfang, Veränderung, Chancen und Ängste
17.08.2026 17 min
Zusammenfassung & Show Notes
Das Thema der 15. Folge ist ADHS bei Erwachsenen.
Transkript
Podcast Folge 15
Heute möchte ich ein Thema ansprechen, das vielleicht mehr von uns betrifft, als wir denken und das auch einen Neuanfang bedeuten kann: ADHS bei Erwachsenen.
Bei meiner 21-jährigen Tochter wurde vor ein paar Monaten ADHS diagnostiziert. Sie hatte Glück und musste nicht allzu lange warten, um einen Termin zur Diagnostik zu erhalten, einen Termin bei einem Psychologen zur Verschreibung von Medikamenten und zur Therapie hat sie allerdings bisher nicht erhalten und sie muss wohl auch noch länger darauf warten.
Sie hat mich gefragt, ob ich auch eine Diagnostik machen möchte, da ADHS ja stark vererbbar ist und ich auch einige Anzeichen aufweise. Ich meinte erst: „nein, wozu, was sollte das ändern?“, habe mich dann aber eingehender mit der Thematik beschäftigt und auch einige Bücher zum Thema gelesen.
Und ich denke, ich habe meine Meinung geändert und werde mich um einen Termin bemühen.
Dass ADHS auch Erwachsene betrifft, ist noch nicht allzu lange klar.
In der Psychologie hat sich sowieso einiges verändert, wenn man auf die letzten 100 Jahre zurückblickt. Zuerst war da Freud und alles hing mit der Sexualität zusammen, danach hing alles mit der Kindheit und irgendwelchen Traumata zusammen und dann wurde bemerkt, dass man auch mit einigen Dingen auf die Welt kommt.
ADHS war dann das Zappelphilipp-Syndrom, welches früher hauptsächlich Jungs betraf und vor einiger Zeit bemerkte man dann, dass Mädchen genauso betroffen sind, nur meist nicht so zappelig und auffällig sind, sondern verträumt und unauffällig, die Unruhe ist mehr innerlich.
Und irgendwie war nicht klar, dass sich das nicht einfach auswächst, sondern die Betroffenen ihr Leben lang begleitet.
Man schätzt heute, dass 5% aller Kinder von ADHS betroffen sind und 3,5% der Erwachsenen.
Es ist sehr stark vererbbar und zu einem kleinen Teil spielen Dinge wie ein geringes Geburtsgewicht oder zu viel Blei in der Ernährung der Mutter während der Schwangerschaft eine Rolle, was beides die Entwicklung des Baby-Gehirns beeinträchtigt. Also in der Schwangerschaft und am besten auch ganz allgemein immer schön auf Thunfisch und Co. verzichten!
Und unbedingt auch auf Alkohol, was leider nicht so selbstverständlich ist, wie es sein sollte, denn auch das fetale Alkoholsyndrom kann bei ADHS eine Rolle in der Entstehung spielen, wobei es oftmals schwierig ist, das richtige zu diagnostizieren, da das fetale Alkoholsyndrom und ADHS ein paar ähnliche Merkmale aufweisen.
Zurzeit ist es leider so, dass gerade bei Erwachsenen nur die Folgeerkrankungen bekämpft werden, das ADHS aber nicht erkannt wird.
Wenn ein Psychologe einen Patienten mit Angststörungen, Depressionen, Zwängen, Suchterkrankungen und anderem vor sich hat, denkt er nicht an ADHS, sondern verschreibt Psychopharmaka und macht Therapien, die gar nicht wirklich nützen, weil sie nicht das zugrunde liegende Problem bekämpfen.
Und das ist super traurig, es bedeutet einen lebenslangen Weg mit dem begleitenden Gefühl, anders und nicht gut genug zu sein, nichts hinzukriegen etc. und völlig unnötiges Leiden und überflüssige Behandlungen.
Die Psychologen müssen das unbedingt immer auf dem Schirm haben, vor allem auch, weil ADHS so leicht zu behandeln ist.
Medikamente wie das bekannte Ritalin sind seit 70 Jahren bestens erforscht, inzwischen gibt es bessere Medikamente, die kaum noch Nebenwirkungen haben und nicht abhängig machen.
ADHS wäre also relativ gut erkennbar und vor allem sehr gut therapierbar, wenn man es denn auf dem Schirm hat!
Mich hat auch sehr erschreckt, dass die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern mit unbehandelter ADHS 7 Jahre kürzer ist und bei Frauen sogar 9 Jahre!
Und das völlig unnötig, das ist doch traurig!
Es bleibt wirklich zu hoffen, dass sich da bald etwas ändert und nicht mehr ungefähr jeder sechste Patient von Psychologen wegen einer Begleiterkrankung statt der ADHS behandelt wird!
Die kürzere Lebenserwartung liegt nicht direkt an der ADHS, sondern an Dingen wie einem risikoreicheren Verhalten, selteneren Arztbesuchen, weniger sozialen Kontakten, höheren Suizidraten, Übergewicht, Diabetes etc.
Viele rauchen, haben eine Suchterkrankung, es gibt mehr Arbeitslose, weniger gute Schulbildung und das alles führt zur verkürzten Lebenserwartung.
Schauen wir uns das ein bisschen genauer an.
Bei ADHS geht es ja um das Gleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn, besonders um Dopamin und Noradrenalin.
Wenn nun ein Dopaminmangel im Gehirn herrscht, weil das einfach nicht so lange verfügbar ist bei einem ADHS-Betroffenen, spricht derjenige auf alles an, was schnellen Dopamin-Nachschub verspricht.
Man wird sogar richtiggehend dahingetrieben, reagiert impulsiv und kurzentschlossen.
Ein gutes Beispiel, von dem ich ein Lied singen kann, ist die Ernährung. ADHSler sind oft plötzlich hungrig und wollen etwas, was sofort verfügbar ist, schnelles Dopamin verspricht, also Zucker und andere ungesunde Dinge, die man direkt in sich reinstopfen kann und sie sind schlecht im Planen, was eine gesunde Ernährung mit geplanten Einkäufen, langer Kocherei, vielleicht sogar Vorkochen nun mal erschwert.
Das führt bekanntlich zu Übergewicht und allen Folgeerkrankungen und man ist dem wirklich machtlos ausgeliefert!
Andere ADHSler versuchen es mit Rauchen, was hilft, aber logischerweise völlig ungesund ist, oder mit anderen Suchtmitteln.
Dann gibt es diejenigen, die sich einfach schlecht organisieren können und es so viel zu selten oder zu spät zum Arzt schaffen.
Die weiteren Dinge, die ich oben aufgezählt habe, liegen im sozialen Bereich, es gibt da mehr Trennungen und Streit in der Familie und sie liegen in der Schul- und Berufslaufbahn.
Viele ADHSler kommen schlecht durch die Schule oder die Ausbildung und haben Schwierigkeiten, einen geeigneten Beruf zu finden und den dann auch zu behalten. Das kenne ich selbst auch.
Von der gesamten, 13-jährigen Schulzeit habe ich ungefähr gar nichts mitbekommen, wie meine Tochter auch und ich habe bis heute keine abgeschlossene Ausbildung, obwohl ich nicht dumm bin und auch immer gearbeitet habe. Halt in den verschiedensten und hauptsächlich schlecht bezahlten Jobs, was sich auch wieder auf die Lebenserwartung auswirkt.
Ich habe Schulen abgebrochen und mir wird auch nach jeweils ein paar Jahren langweilig im Job und ich suche mir dann eine neue Herausforderung.
Die Arbeitswelt kann sowieso sehr schwierig sein für Menschen mit ADHS, da auch vieles anders gefiltert wird.
Zu viele Reize, wie in einem Großraumbüro, viel Lärm und Gewusel, können ablenken und anstrengend sein, zu wenige Reize sind andererseits auch nicht gut, das schreit dann wieder nach Dopamin. Die richtige Balance an Reizen zu finden, ist also eine weitere Schwierigkeit.
ADHS kommt auch meist nicht allein, oft sind die Betroffenen auch hochsensibel, leiden unter Dyslexie oder Dyskalkulie, sind von Autismus betroffen oder evtl. hochbegabt, was teilweise ein wirklich ungünstiger Mix sein kann.
Bei erwachsenen Frauen wird in der Menopause, wenn die Hormone abfallen, alles meist noch schlimmer., auch deshalb möchte ich mich testen lassen.
Auch schlimmer werden die Symptome, wenn äußere Strukturen plötzlich wegfallen, wenn jemand also pensioniert wird, oder arbeitslos, oder bei Mutterschaft.
Umgekehrt sieht man, dass Kinder mit ADHS oft gut durchs Leben kommen, solange sie von zu Hause Struktur vorgegeben bekommen. Wenn Regeln da sind, jemand auf Ordnung und Erledigung von Aufgaben achtet.
Wenn die Kinder dann ausziehen und die Struktur wegfällt, klappt oft gar nichts mehr. Einkaufen, Ordnung halten, Arbeiten für das Studium pünktlich erledigen, sie überhaupt erledigen, überhaupt damit anzufangen… Das alles ist dann eine riesige Herausforderung.
Aber natürlich darf man nicht nur die Schwierigkeiten anschauen! ADHS-Betroffene sind oft sehr kreativ, deswegen oft auch in künstlerischen Berufen zu finden, sie denken anders, sind sensibel oder haben genug Energie für ihre kleinen Kinder, das alles und noch mehr kann großartig zum Erscheinen kommen, wenn man denn den richtigen Platz für sich gefunden hat.
Oft hört man ja: ADHS hat jetzt irgendwie jeder, das ist eine Modekrankheit, eine erfundene Sache oder man liest irgendeinen Blödsinn über die Ursachen, beispielsweise, dass Impfen oder die Erziehung ADHS und Autismus verursachen und ähnlichen Quatsch.
Es stimmt, dass besonders in den sogenannten sozialen Medien das Thema seit einiger Zeit breitgeschlagen wird, viele springen auf den Zug auf und erhoffen sich so Aufmerksamkeit, aber die Dinge, die man dort liest, sollten ganz generell sowieso immer mit Vorsicht genossen werden und man sollte immer im Hinterkopf haben, dass mindestens die Hälfte dessen, was man über ADHS in Social Media liest, nicht stimmt.
Man weiß heutzutage einfach mehr über Entwicklungsstörungen und alles, was damit zusammenhängt, zu Glück! Und natürlich gibt es mehr Diagnosen als früher, aber insgesamt immer noch deutlich zu wenige.
Früher fiel jemand mit ADHS auch einfach weniger auf und hatte es nicht ganz so schwer wie heute.
Man hatte mehr Bewegung, weniger krasse Reize, die Schule war einfacher, es gab mehr Struktur mit Vereinen und der Kirche.
Es gab noch keine Handys, an denen man sich auf TikTok und Co. sein Dopamin holen konnte, bis man süchtig wurde und in den Familien war es auch oft anders, mit mehr Mitgliedern gab es mehr Unterhaltung und Ansprechpartner und es wurde mehr auf Regeln geachtet, wohingegen die heute oft beliebte bedarfsorientierte Erziehung nicht besonders förderlich ist für Kinder mit ADHS.
Heute werden viele Kinder sich selbst überlassen und verblöden vor ihren Handys und wachsen nicht zu lebenstauglichen Erwachsenen heran und wenn da ADHS hinzukommt, ist es einfach doppelt fatal.
Wenn ihr betroffen seid oder euch gerade im Gesagten wiedererkennt, schreibt mir gerne! Ich bin sehr interessiert an einem Austausch zum Thema! Und erzählt auch, wie ihr es bisher mit ADHS durchs Leben geschafft habt!
Welche Tricks für euch am besten funktionieren. Wie ihr gelernt habt, euch zu organisieren und zu strukturieren. Wie ihr es geschafft habt, nicht mehr so schnell eingeschnappt zu sein oder aufzubrausen.
Schreibt ihr immer alles auf? Wenn die Gedanken durcheinanderpurzeln, sollen sie ja nicht vergessen gehen.
Oder nutzt ihr Apps, um euch an alles Mögliche zu erinnern?
Nehmt ihr Medikamente ein und habt die Erfahrung machen dürfen, dass es plötzlich möglich ist, euer Potenzial auszuschöpfen, euch zu motivieren, eure Gefühle zu steuern.
Wie schafft ihr es, nicht länger alles auf den letzten Drücker zu erledigen und nicht mehr zu spät zu sein?
Erzählt es mir und allen anderen da draußen, denen das vielleicht sehr helfen kann und auch zu einem Neubeginn führen kann!
Mich wird das Thema vermutlich noch lange begleiten, wegen meiner Tochter, vermutlich auch wegen mir selbst und auch wegen meinem Sohn.
Er ist sehr sicher, aber noch nicht diagnostiziert, Autist, was auch ein Symptom seines Gendefektes ist, aber vielleicht ja auch vererbt wurde, wer weiß? Und da er auch sehr impulsiv und hochgradig sensibel ist, sollte ich ihn vermutlich zusätzlich zum Autismus auch auf ADHS testen lassen.
Ich wäre dann also eine durchschnittliche und sehr in die Zeit passende Mutter und halte euch selbstverständlich auf dem Laufenden!
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Erzählt mir eure Gedanken zu den Themen, eure Ideen zu den gehörten Geschichten und erzählt mir eure Geschichte, was ihr erlebt habt zum Thema Neuanfang!
Ich freue mich sehr auf eure Mitteilungen und euer Feedback, vielen Dank!!
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