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Alles auf Anfang, Folge 13

Schweizerdeutscher Mitmach- und Mutmach-Podcast über Neuanfang, Veränderung, Chancen und Ängste

03.08.2026 14 min

Zusammenfassung & Show Notes

Das heutige Thema ist die Co-Abhängigkeit. In einer langjährigen Beziehung mit einem Alkoholiker und in einer Beziehung mit einem bipolaren Mann.

Transkript

Podcast Folge 13 In den letzten beiden Folgen hatten wir ja einerseits das Thema „jemandem helfen wollen, der sich gar nicht helfen lassen will“ und andererseits auch die Gewalterfahrung. Ich würde das gerne zusammenführen und zu einem Thema kommen, das ich ebenfalls sehr wichtig finde und das auch nach einem Neuanfang schreit, da man in solch einer Situation oft einfach nicht bleiben kann oder eine Lösung zur Neugestaltung der Beziehung suchen muss: die Co-Abhängigkeit. Falls jemand empfindlich ist und allenfalls getriggert werden könnte, bitte die Folge nicht anhören, ich werde allerdings keine detaillierten Situationen schildern. Co-Abhängigkeit kennt man vermutlich am ehesten aus dem Bereich der Suchterkrankten. Der Mann, der Ausreden erfindet, weil seine Frau nicht zur Familienfeier kommen kann, während sie sich im dunklen Zimmer vom letzten Absturz erholt, die Frau, die ein paar Flaschen Schnaps einkauft, damit der Mann am Wochenende genug zu trinken hat und nicht ausrastet… An sowas denkt man da als erstes. Co-Abhängigkeit gibt es aber auch bei psychisch und anderen Erkrankten. Ganz allgemein rutscht man oft unbewusst in solch eine Situation hinein. Es fängt vielleicht ganz harmlos an. Man möchte dem Partner helfen, was ja ganz natürlich ist und weil man nicht jemanden verlässt, nur weil der mal ein Problem hat oder krank ist. Mit der Zeit jedoch verliert man sich selbst in dieser Geschichte, das Helfen wird zur Selbstaufgabe und alles, auch man selbst dreht sich nur noch um die Sucht oder Krankheit des Partners. Meist dauert es eine lange Zeit, die Problematik zu erkennen und wieder einen Zugang zu sich selbst herzustellen und sich aus der Co-Abhängigkeit zu lösen. Insgesamt ist das Thema, wie ich finde, noch deutlich unterrepräsentiert und auch etwas tabuisiert, sehr schambehaftet natürlich sowieso. Viele Betroffene wissen auch nicht, wo sie sich Hilfe holen könnten, dass sie sich beispielsweise genau wie der Süchtige selbst, bei den üblichen Beratungsstellen melden können oder auch im Hausarzt einen ersten Ansprechpartner finden können. Ich selbst kenne die Co-Abhängigkeit aus einer Beziehung mit einem Alkoholiker und ich zähle auch eine Beziehung mit einem manisch-depressiven Mann dazu, der noch dazu ebenfalls Alkoholiker war, was aber eine eher untergeordnete Rolle gespielt hatte. Meine erste Beziehung, die mich in die Co-Abhängigkeit brachte, war von Anfang an ziemlich wild. Es wurde viel getrunken und gefeiert, im ganzen Umfeld, es wurde immer spät und es war oft sehr ausgelassen und ich mittendrin. Damals habe ich noch Alkohol getrunken, auch nicht wenig und hatte selbst nie Probleme deswegen, keine Blackouts, Filmrisse oder andere Vorkommnisse und als ich nach einigen Monaten fand, dass ich zu viel trinke und so nicht weitermachen sollte, konnte ich problemlos aufhören. Mein Freund jedoch konnte das sehr lange nicht. Er hat jeden Tag und die halbe Nacht getrunken und ich war dafür zuständig, ihm seinen Nachschub zu besorgen. Er hatte regelmäßig Ausraster oder komplette Ausfälle. Zugeschlagen hat er nicht, aber er war ab einem gewissen Pegel ein völlig anderer, bösartiger Mensch, der wirklich schlimme Dinge sagen und tun konnte. Mit der Zeit hatte ich so viel Erfahrung, dass ich ihm in den Augen ansah, wie viel es noch brauchte, bis es kippte. Ich konnte genau sehen, wann es nur noch den einen Schluck brauchte, um bei ihm das Monster hervorzuholen und den netten und völlig harmlosen Mann verschwinden zu lassen. Natürlich habe ich andauernd alles versucht, damit es nicht soweit kommt, habe ihn abgelenkt, verschiedene Tricks ausprobiert, habe versucht, den Schaden so klein wie möglich zu halten und wollte steuern, was sich gar nicht steuern lässt. Man sitzt auf einem Schiff und sieht vor sich den Sturm, man rennt herum, versucht, mit den Segeln, den Rudern, dem Gewicht irgendwie etwas auszurichten, aber jemand anderes hat das Steuerrad in der Hand und steuert direkt in den Sturm hinein und man hat keine Chance, irgendetwas zu tun. Und man lebt in einem Zustand dauernder Wachsamkeit. Man versucht, sich auf das vorzubereiten, was unweigerlich kommen wird, entweder heute oder morgen, aber es wird kommen. Man bekommt ganz feine Antennen dafür, in welchem Zustand der andere gerade ist und wohin sich die Reise in den nächsten Stunden entwickelt. Alles kreist um die Sucht. Darum, wo das Geld für den Stoff, ob Alkohol oder etwas anderes, herkommt, wo man wieviel besorgt und aufbewahrt, man zählt jeden Schluck mit und bemüht sich in jeder Sekunde, den anderen bloß nicht zu reizen oder gar zu ärgern. Ist man draußen unterwegs, versucht man, die Kontakte zu steuern, man lernt sehr schnell, mit wem es eher noch schlimmer oder schneller schlimm wird und wer den Partner vielleicht auch ein wenig runterholt. Und man lernt die Gegend und die Bars richtig gut kennen, kann Situationen und Stimmungen intuitiv einschätzen und teilt alles in „gefährlich“ und „harmlos“ auf. Gerade eben ist die Fussball-WM zu Ende gegangen. Wusstet ihr, dass die Opferzahlen an gewalttätigen Übergriffen in solchen Zeiten, also währen der WM beispielsweise, höher sind als sonst? Sogar wenn das Lieblingsteam gewinnt, sind die Zahlen der häuslichen Gewalt höher, wenn es verliert, kommen gleich nochmals ein paar Prozentpunkte dazu. Und das ist überall auf der Welt so. Solche Dinge spielen also auch mit rein in die Aufteilung in gefährlich und harmlos. Wenn dann also in einer Bar ein Fussballspiel gezeigt wird, bei dem eine Mannschaft spielt, für die der Partner sich interessiert, ist es auf jeden Fall sicherer, sich für die Bar, die statt eines Fernsehers nur eine Musikbox zu bieten hat, zu entscheiden und alles zu versuchen, damit der Abend dort verbracht wird. Mitunter verlangt das Dasein als Partnerin oder Partner eines Suchtkranken auch sehr viel Kreativität und Phantasie. Man erfindet irgendwelche Geschichten, um den anderen zu decken, man hört sich seine Ausreden an und möchte sie so gerne glauben, man ist immer wieder so voller Hoffnung, denn zwischen den schlimmen Geschichten ist ja der Mensch, in den man sich mal verliebt hat, wieder da… Man verliert Freunde, da man keine Zeit mehr für sie hat. Man verliert den Kontakt zur Familie, die sich Sorgen macht und vielleicht auch sieht, was los ist und es auch anspricht, was man natürlich nicht hören will. Durch den fehlenden Kontakt nach außen ist man dann noch mehr in der Beziehung gefangen und das ist kein „wir gegen den Rest der Welt“ im positiven Sinne! Der Zugang zu sich selbst und zu den eigenen Gefühlen geht komplett verloren und manchmal dauert es ein Leben lang, ihn wieder herzustellen. Am schlimmsten finde ich solche Beziehungsmuster und Abhängigkeiten für Kinder. Ich weiß, wie es ist, jahrelang auf der Hut zu sein, immerzu zu ertasten, wie die Stimmung und der Pegel gerade ist und nie zu wissen, was auf einen wartet, wenn man die Tür zu seinem eigenen Zuhause öffnet. Doch ich bin erwachsen. Ich kann irgendwann Muster erkennen und Schlüsse ziehen, Entscheidungen treffen und auch gehen. Kinder können das nicht. Sie sind dem schutzlos ausgeliefert. Dieses dauernde Wachsam-sein-Müssen, die Spannung, Angst und Hilflosigkeit lösen einen wahnsinnigen Stress und Traumata aus, von denen sich nicht jedes Kind erholen kann. Mein damaliger Freund hat irgendwann verstanden, dass er so nicht weitermachen konnte und es tatsächlich geschafft, mit der Trinkerei aufzuhören. Unsere Beziehung war ebenfalls irgendwann am Ende, es war zu viel passiert und aus diesen Jahren bleiben mir ein paar schöne, aber vor allem sehr viele demütigende, schreckliche und traurige Erinnerungen, alle irgendwie von einem Nebel überdeckt, als würde ich heute erst klarsehen. Und wenn ich heute ein paar Mal im Jahr mit meinem damaligen Freund telefoniere, falle ich automatisch in alte Muster zurück, biete meine Hilfe an und habe Mitleid. Mit ihm, manchmal aber auch mit der jungen Frau von damals, die wichtige Jahre ihres Lebens verloren hat und diese nie zurückerhalten wird. Ich bin danach noch mehrfach in ähnlichen Geschichten gelandet. Als Co-Abhängig würde ich mich aber hauptsächlich in einer Beziehung nochmals sehen. Dieser Mann damals war ebenfalls Alkoholiker, was er allerdings versuchte, vor mir zu verstecken. Ich habe keine Ahnung, warum so viele Trinker denken, dass man Wodka nicht riecht, glaubt mir, man tut es und vor allem sehen Angehörige auf den ersten Blick, ob der Partner getrunken hat oder nicht, man braucht gar nicht erst an ihm zu schnuppern. Mein Freund hat also Wodkaflaschen vor mir versteckt und mir mitten in’s Gesicht lügen können mit der Behauptung, dass er nichts getrunken hätte. Aber das waren nur Nebensächlichkeiten, ebenso wie sein diagnostizierter Narzissmus, diagnostiziert von einem Psychiater, der natürlich ein ahnungsloses A… war, in den Augen meines Freundes. Schlimmer war seine Krankheit. Er war bipolar und erhielt auch Medikamente, rutschte aber trotzdem vom einer manischen Kaufsucht-Phase in die depressive Phase und wieder zurück, in einem wilden Wechsel. Man konnte richtig dabei zuschauen. Die Zeiten auf dem Sofa vor dem Fernseher mit Süssigkeiten in der Hand wurden immer länger und der Körper wechselte von einer aufrechten Sitzposition immer mehr in’s Liegen, bis er mit dem Sofa verschmolz und nicht mehr daraus auftauchen konnte. Und ich spiegelte das immer. Eigentlich ein meist fröhlicher, positiver und ausgeglichener Mensch, wurde ich in den depressiven Phasen ebenfalls depressiv und habe das auch in meine Arbeit mitgetragen, bis meine Kollegen nicht mehr wussten, wie sie noch mit mir umgehen sollten. Das war ganz fürchterlich und ich hatte nicht die Kraft, mich daraus zu lösen und Abstand zu nehmen zu meinem eigenen Schutz. Mein eigenes Befinden war tatsächlich abhängig geworden von den Befindlichkeiten eines anderen Menschen und ich konnte nichts dagegen tun. Allzu lange dauerte diese Beziehung glücklicherweise nicht, der Anfang vom Ende lag in den bereits einmal erwähnten Tätlichkeiten in einer verhängnisvollen Silvesternacht und in einigen völlig unverzeihlichen Vorkommnissen davor… Eine Co-Abhängigkeit kann somit nicht nur den Zugang zu sich selbst und das Vertrauen in sich selbst zerstören, sie fördert leider auch ungewollt die Sucht oder das Verhalten, indem man der erkrankten Person Dinge abnimmt, Steine aus dem Weg räumt, ihr die Sucht finanziert oder die Verantwortung für sie übernimmt. Kennt ihr solche Beziehungen? Wenn ihr mögt, erzählt davon!

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