Since 06/2026 15 Episoden

Alles auf Anfang, Folge 12

27.07.2026 13 min

Zusammenfassung & Show Notes

Unsere Themen heute: wir dürfen und sollen um Hilfe bitten! Und: wir müssen aufhören zu versuchen, Leute zu retten, die nicht gerettet werden wollen.

Transkript

Podcast Folge 12 Am Schluss von Folge 11 letzte Woche hatten wir das Bild vom Riesenrad, auf dem wir immer noch eine Runde drehen. Weil wir die Strecke schonkennen und die Sitze so bequem sind, obwohl sie schon alt und kaputt sind. Weil wir einfach schon mal drin sind und uns vielleicht auch nicht trauen, auszusteigen. Manchmal allerdings muss man nicht einfach nur aussteigen, sondern regelrecht rausspringen. Triggerwarnung!! „Falls sehr empfindliche Personen zuhören, die Gewalterfahrungen gemacht haben, ist das jetzt vielleicht nicht unbedingt die richtige Folge, obwohl nichts detailliert beschrieben wird“ Ich musste schon mehrfach aus dem Riesenrad rausspringen. Auf der Flucht vor jemandem. Aus Angst, nicht mehr sicher aus dem Haus gehen zu können. Nach Psychoterror. Um das eigene Kind zu schützen. Um das eigene Leben zu schützen. Um den Verstand nicht zu verlieren. Um nicht irgendwo zu landen, wo man nicht mehr zurückkommt. Und ich sprang jedes Mal in’s Ungewisse, in’s Unbekannte, in den Neuanfang. Aber manchmal hat es lange gedauert, den Sprung zu wagen und manchmal noch viel länger, um zu erkennen, dass der Sprung notwendig, ja sogar überlebenswichtig ist. Bei all diesen Geschichten habe ich viel gelernt. Zwei ganz wichtige Lektionen wollen wir uns heute anschauen: Erstens: es ist okay, um Hilfe zu bitten. Zweitens: wir müssen aufhören, zu versuchen, Leute zu retten, die sich nicht retten lassen wollen. Wir glauben oft, es sei ein Zeichen von Schwäche, wenn wir um Hilfe bitten. Wir denken, wir würden unfähig wirken, weniger wert sein oder dass wir uns schämen müssten, wenn wir an einen Punkt gelangen, an dem wir nicht mehr länger alleine weiterkommen. Doch an diesem Punkt ist jeder einmal. Sich das einzugestehen macht uns menschlich, es macht uns echt und reif. Es mag uns schwer fallen zu sagen: „bis hierher habe ich es gut hingekriegt, aber nun brauche ich Unterstützung.“ Doch wenn wir es sagen, wenn wir uns echt und ohne Maske zeigen, sehen wir zwei Dinge: Wir sehen, wer wirklich an unserer Seite ist. Und wir dürfen spüren, was bedingungslose Liebe bedeutet. Und wenn uns irgendjemand deswegen verurteilt, dann ist das nicht unser Problem und der- oder diejenige soll ruhig aus unserem Leben verschwinden, eine solche Person bringt uns nichts und tut uns nicht gut. Könnt ihr gut um Hilfe bitten? Ich gar nicht. Ich bin sogar ausgesprochen schlecht darin. Schon bedeutungslose Kleinigkeiten, die andere nicht einmal groß belasten würden, möchte ich niemandem aufhalsen. Die großen Bitten auszusprechen ist richtig schwer und an die ganz ganz großen habe ich mich noch gar nie getraut. Einmal wurde mir so eine ganz ganz große Hilfe so quasi aufgedrückt. Mein Hausarzt, bei dem ich erst das zweite Mal war und zu dem ich eigentlich wegen einer einfachen Verletzung ging, hat meinen schlechten psychischen Zustand erkannt und mich an Fachleute überwiesen. Ich war dann mehrere Jahre in psychologischer Behandlung, was mir vielleicht nicht das Leben, ganz sicher aber meinen Verstand gerettet hat. Für die Aufmerksamkeit des Arztes und die großartige Unterstützung meines Psychologen bin ich bis heute unendlich dankbar. Aber es wäre mir damals nie in den Sinn gekommen, um diese Hilfe zu bitten. Einen Arzt deswegen aufzusuchen oder eine Beratungsstelle. Ich habe wirklich nicht einmal daran gedacht. Natürlich war es vor zwanzig oder dreißig Jahren noch anders. „Man“ ging noch nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit zu Psychologen, wie heute und man ging auch nur zum Arzt, wenn das Bein ab war oder man plötzlich eine weitere Körperöffnung hatte oder ähnliches. Zumindest ich bin so aufgewachsen. Es gab aber auch wenig Hilfe von außen. Noch weniger als heute. Wo immer noch Aufholbedarf besteht, meiner Meinung nach: es wird sich noch immer deutlich besser um Täter gekümmert als um Opfer. Viele Opfer von Gewalttaten müssen das erlebte mehrfach erleben, immer wieder alles erzählen, immer wieder damit konfrontiert werden, immer wieder Blicken und vielleicht sogar Zweifeln ausgesetzt sein. Oft, um am Schluss zu erleben, wie unbedeutend die Konsequenzen für die Täter sind und wie kräftezerrend der ganze Weg für sie als Opfer war. Vor vielen Jahren wurde ich in einer Silvesternacht massiv verprügelt. Es war reiner Zufall, dass ich nicht mit dem Kopf an einer Ecke oder an einer der Treppenstufen aufschlug, Zufall, dass ich noch lebe. Ich konnte mich irgendwann in’s Freie retten und mich in Sicherheit bringen. Der Täter schlug danach alles im Haus kurz und klein, er hat jedes Fenster, immerhin über 20, zertrümmert und irgendwann kam dann die Polizei, die von den Nachbarn alarmiert worden war. Er war danach fast ein Jahr in der Psychiatrie. Mich hat die Polizei in derselben Nacht angerufen und gefragt, ob ich eine Anzeige machen wolle, aber wozu. Was hätte das irgendwem gebracht? Gefragt, wie es mir geht und ob ich Hilfe brauche, wurde ich nicht. Kein einziges Mal. Der Täter wurde umsorgt, medikamentös neu eingestellt und therapiert. Und ich konnte selbst schauen, wie ich zurechtkam. Das soll keine Anklage sein, es ist einfach nur eine Tatsache. Und so ergeht es vielen Opfern. Auch wenn es viele Hilfsangebote geben würde, sie erreichen die Menschen, die sie nötig hätten, oftmals nicht. Oder die Menschen wollen sie nicht in Anspruch nehmen. Ich hätte das wahrscheinlich auch nicht getan. Doch wir sollten es tun. Um Hilfe bitten, wenn wir welche benötigen. Möglichst schon, bevor wir nicht mehr weiterwissen oder weiterkönnen. Mit dem zweiten Thema, dem Retten von anderen Leuten, habe ich leider auch viel Erfahrung. Es gab immer jemanden, der nicht alleine klarkam und sich sehr bereitwillig von mir helfen liess. Und damit meine ich nicht die sogenannte „strategische Inkompetenz“, also, sich blöd anstellen, ob bewusst oder unbewusst, nur um eine Aufgabe nicht übernehmen zu müssen. Selbstverständlich ist mir das auch schon andauernd begegnet, aber ich meine nicht etwa das Ausräumen der Spülmaschine oder das Einkaufen, sondern die ganze Lebensbewältigung. Ich habe mehrere erwachsene Männer durchgefüttert, teilweise über Jahre, mindestens zwei wären auch auf der Strasse gelandet, hätte ich nicht eine Wohnung besorgt. Ich habe versucht, Alkoholiker zu retten und Depressionen zu heilen, natürlich alles vergeblich. Wieder einmal hielt das Leben wichtige Lektionen für mich bereit: man kann nicht jemanden retten, der gar nicht gerettet werden will und: Menschen ändern sich nicht. Beziehungsweise nur extrem selten, beispielsweise nach einem sehr einschneidenden Erlebnis. Aber sie ändern sich ganz bestimmt nicht für dich!! Und wieso sollten sie sich auch ändern, wenn sie nicht müssen, wenn ihnen ja die ganze Arbeit von anderen, wie zum Beispiel von mir, abgenommen wird? Und während sie nicht einen Finger krumm machen, um etwas an ihrem Leben oder ihrer Situation zu ändern, ihre Probleme anzugehen oder ihre Schwierigkeiten zu überwinden, ziehen sie dich mit sich runter. Wenn du dann irgendwann merkst, dass du nicht helfen kannst, weil das Gegenüber sich nicht helfen lassen will und das einzig richtige tust, nämlich wenigstens dich zu retten und zu gehen, kommt auch kein Danke, oder eine Entschuldigung, oder eine Rückzahlung von Schulden oder überhaupt irgendwas. Du bist nämlich nicht mal ein müdes Winken wert. Ich habe mir eingeredet, dass ich helfe, weil ich die Person liebe. Doch man kann auch jemanden lieben, ohne sich aufzuopfern. Ohne sich selbst zu verlieren und ohne daran zugrunde zu gehen. Und wenn man dann nicht zurückgeliebt wird, nun, dann ist die ganze Sache doch sehr eindeutig, oder? Warum das so war und vor allem, warum das bei mir immer wieder so war, kann ich nicht abschließend beantworte. Mein Vater meint, ich hätte das Helfersyndrom und hätte eigentlich Krankenschwester werden sollen. Das erklärt vielleicht, warum ich Schnecken vom Boden aufhebe und in´s Gras setze oder nicht zuschauen kann, wenn Fliegen am Fenster immer wieder verzweifelt den Ausgang suchen oder warum ich weinende Kinder auf der Strasse anspreche und ihnen bei der Lösung ihrer Probleme helfe. Aber es erklärt nicht, warum ich immer wieder in missbräuchlichen Partnerschaften lande, mich selbst aufgebe, damit andere ihre Träume verwirklichen können oder damit sie eine Begleitung in ihrem Elend haben. Es erklärt nicht, warum ich denke, dass ich offenbar nur dann geliebt werden kann, wenn ich mich um den anderen kümmere und ihn mittrage. Und es auch ist irgendwie ein bisschen gruselig, jemand zu sein, der anscheinend nur für irgendwelche kaputten Individuen attraktiv ist, die ein Opfer suchen. Wie in der Doku über Ted Bundy, den furchtbaren Serienkiller, der erklärte, dass er sofort am Gang erkennen könne, ob eine Frau sich wehren würde oder ob sie ein leichtes Opfer sei, weil sie beispielsweise bereits einmal zum Opfer geworden war. Er war nicht der einzige Schwerstkriminelle, der diese Fähigkeit hatte. Bei mir lässt sich das anscheinend auch erkennen, dass ich gerne Männer durchfüttere und hätschele! Kommt das jemandem von euch bekannt vor? Seid ihr gut darin, um Hilfe zu bitten? Oder macht ihr alles immer alleine, um bloß niemandem zur Last zu fallen oder etwas schuldig zu bleiben, schwach oder unfähig zu wirken? Habt ihr euch auch schon bis zur Selbstaufgabe um andere gekümmert? Und ich meine nicht um eure Kinder, um Pflegebedürftige oder um eure alten Eltern, sondern um Leute, die das eigentlich selbst können müssten? Erzählt davon!

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